Mystikerin und Charismatikerin

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Mystikerin

Mutter Marie Therese und Pfr. Hermann Walch am Gründungsgedenktag 9. Dez. 1989

Das Wort „Mystik“ hat seine Wurzel im griechischen Wort „myein“ = Augen schließen, sich versenken. Dies deutet schon an, was Mystik ist: Die Grundform religiösen Lebens, in der der Mensch so tief in das unerforschliche Geheimnis Gottes hineingenommen wird, dass es gleichsam zu einer geistigen Schau, zu einer „Unio mystica“, kommt. In dieser seelischen Vereinigung erfährt der Mensch eine Ahnung von der unbegreiflichen Größe und Liebe Gottes, zugleich aber wird ihm auch der Wille und Auftrag Gottes offenbar. 

Mutter Marie Therese war eine Mystikerin. Gott ließ sie erstmals im Alter von zwölf Jahren in einer Messfeier während der Wandlung das Geheimnis der Eucharistie  schauen und das Wesen des Priestertums erkennen. Dieser mystischen Versenkung folgten weitere übernatürliche Erlebnisse. Ihre geistige Zwiesprache mit Gott riss niemals ab und führte sie schließlich zur Gründung der „Communio in Christo“, die sie in Gottes Auftrag „auf Befehl des Geistes“ vollzog.

Charismatikerin

Das Wort „Charisma“ wird heute oft missverstanden und verflacht. Bei Menschen mit besonderen Begabungen und Talenten, mit einer mitreißenden Form der Begeisterung und Menschenführung spricht man oft von „charismatischen Menschen“.
Ein Charisma – theologisch verstanden – hat mit Gott, mit der Kirche und dem Wirken Gottes im Menschen zu tun. Charismen sind Bausteine der Mystik. Was in der mystischen Versenkung geschaut wird, kann von charismatischen Menschen im Sinne Gottes verwirklicht werden. Insofern gehören Mystik und Charisma untrennbar zusammen.

Charismen sind nach den Aussagen der Briefe des Apostels Paulus nach Rom (Kapitel 12) und Korinth (1 Kor 12) wie auch nach allgemeiner theologischer Auffassung vielfältige, unterschiedliche Gaben des Heiligen Geistes und von der Gnade Gottes geschenkt. Sie dienen allen Menschen, dem Aufbau und der Erneuerung der Kirche und ihren Gemeinschaften. Sie  wollen Leben und Sendung Christi in der Welt transparent machen und verwirklichen helfen. Über jedem Charisma, über jeder Gabe und Begabung steht das Geschenk der Liebe.

Ernennung des ersten Generalsuperiors durch Mutter Marie Therese am 6. Jan. 1985

Mutter Marie Therese war eine außergewöhnlich mystisch und charismatisch begabte Persönlichkeit mit der Begabung, sich ganz auf Gott und gleichzeitig ganz auf die Kirche, gleichzeitig aber auch ganz auf die Wirklichkeit der Welt einzulassen. Das zeigte sich in der Begegnung mit Menschen und ihren Nöten, in der Auseinandersetzung mit Problemen und Fragen der Zeit, in der Gründung eines umfassenden Sozialwerkes. Die Liebe in der Welt zu verwirklichen gemäß dem Leben und Auftrag Christi war ihr ganzes Streben, das sie der Communio in Christo als Auftrag und Erbe hinterließ.

Für Mutter Marie Therese gehören kirchliches Amt und Charisma zusammen. „Ohne Amt stirbt das Charisma“, sagte sie, „ebenso wie das Amt ohne Charisma zum Sterben verurteilt ist.“ In dieser Aussage zeigt sich, wie tief die Gründerin in der Kirche verwurzelt war. Sie hat ihr Charisma als Geschenk des Heiligen Geistes verstanden und angenommen und sich durch ihr Jawort an ihren Auftrag gebunden gefühlt, das II. Vatikanische Konzil in der Liebe zu verwirklichen.

Den Begriff des „außerordentlichen Charismas“ erwähnt die kirchliche und theologische Literatur nur am Rande, vielleicht, weil man mit seiner Existenz nicht mehr rechnet, eine Begriffsverwirrung oder ein Zusammenspiel mit anderen Phänomenen wie Visionen, Ekstasen, Stigmata, Wunder-, Heilungs- und Sprachengabe fürchtet. Durch ein außerordentliches Charisma greift Gott direkt in die Kirche ein. In der monastischen Tradition birgt ein außerordentliches Charisma eine mystische und prophetische Gabe des Heiligen Geistes in sich.

Mutter Marie Therese war mit einem solchen Charisma begnadet, denn sie sagte von sich selbst: „Ich bin mir bewusst, mit einem außerordentlichen Charisma beschenkt zu sein, das in besonderer Weise Schutz und Unterstützung für die heilige Kirche bedeutet.“ Sie war sich sicher: „Es ist wirklich Gott in mir, der bittet, diese Hoffnung zu sehen.“

In vielen Briefen, Gesprächen, Schriften hat Mutter Marie Therese immer wieder auf die Existenz und die Autorität ihres außerordentlichen Charismas hingewiesen und es bezeugt.

 
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