Positionierungen Dezember 17

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Dezember 2017

Das letzte Wort hat das Gewissen

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Apg 5,29)  Das gilt für alle Menschen, auch noch nach 2000 Jahren Christentum. Das Zweite Vatikanische Konzil umschrieb es in der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ (Freude und Hoffnung) so: „…der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen … seine Würde ist.“

Das Gewissen wird darin als „die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott“ bezeichnet. Im Gewissen sei gleichsam Gottes Stimme im Innersten zu hören: „Im Gewissen erkennt man in wunderbarer Weise jenes Gesetz, das in der Liebe zu Gott und dem Nächsten seine Erfüllung hat.“ Das korrespondiert mit Artikel 1 unserer Verfassung, der die Menschenwürde für unantastbar erklärt.

Mutter Marie Therese hat am 8. Dezember 1984 den „Orden Communio in Christo“ gegründet, obwohl der für sie zuständige und von ihr bis zu seinem Tod sehr geschätzte Aachener Bischof  Dr. Klaus Hemmerle ihr dies untersagt hatte. Sie tat es, weil sie sich vom Geist Gottes dazu gedrängt und in ihrem Gewissen dazu verpflichtet wusste.

Darüber äußerte sie sich in einem Brief vom 14. Dezember 1989 an Kardinal Oddi: „Die Qual des Leidens, die meine Gewissensentscheidung begleitete, ist  . . . eine so große Stärkung, dass mir die Sicherheit übrigblieb, Gottes Willen außerhalb des Verbotes folgen zu müssen… In dem Schritt dieser Gründung, in der ich augenscheinlich das Gesetz ignorierte, erfüllte ich das Gesetz einer anderen Autorität . . . der Liebe, zu der Christus uns alle verpflichtet.“

Wie viele heiligmäßige Persönlichkeiten in der Kirche, so sein Mitbruder Franz Reinisch, sei „auch Mutter Marie Therese in das Spannungsfeld zwischen dem Gehorsam gegen die kirchliche Obrigkeit und Gott“ geraten, erklärte Pallottiner-Pater Prof. Dr. Heribert Niederschlag beim 33. Gründungstag der Communio in Christo im niederländischen Steyl.

Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stand das Gewissen als letzte Instanz eines äußeren moralischen Wollens, das mit dem eigenen Willen in Einklang steht. Das stellt eine Art Perspektivenwechsel von aller Bemühung um Korrektheit  und „Gesetzesfrömmigkeit“ hin zu Gott im Menschen dar.

Auch Papst Franziskus hat in vielen seiner Äußerungen einen Perspektivenwechsel vollzogen: von der Priorität der kirchlichen Verordnungen und Gesetze hin zur Priorität des Menschen mit seiner individuellen Geschichte und Prägung, mit seinem je eigenen Gewissen.

In seinem Schreiben „Amoris laetitia“ erörtert Franziskus die Möglichkeit, unter gewissen Voraussetzungen wiederverheiratete Geschiedene zu den Sakramenten zuzulassen. Das ist keine Neuerung, sondern die Erneuerung einer alten Tradition gegen neuscholastische Verengungen.

Die Sichtweise von Franziskus ist tatsächlich in der Lehre der Tradition, besonders des Thomas von Aquin und des Trienter Konzils begründet. Es ist feste Tradition der Kirche, dass die objektive Schwere eines Gebots, das selbstverständlich ausnahmslos gilt, nicht immer der Schwere der subjektiven Schuldhaftigkeit entspricht.

Der Fehler der Kritik an „Amoris laetitia“, an der es bekanntlich nicht gemangelt hat, ist ein einseitiger moralischer Objektivismus, der die Bedeutung des persönlichen Gewissens beim sittlichen Akt unterbewertet.

Damit ist nicht geleugnet, dass das Gewissen auf die objektiven Gebote Gottes achten muss. Aber allgemeingültige objektive Gebote - wieder nach Thomas von Aquin - können nicht mechanisch oder rein logisch deduktiv auf konkrete, oft komplexe Situationen angewandt werden. Es ist vielmehr Sache der Kardinaltugend der von der Liebe geleiteten Klugheit zu fragen, wie in der konkreten Situation die rechte und billige Anwendung des Gebots aussehen kann.

Papst Franziskus steht mit seiner Betonung der Bedeutung des Gewissens klar auf dem Boden des Zweiten Vatikanischen Konzils, das gelehrt hat, dass das Gewissen die verborgene Mitte und das Heiligtum im Menschen ist, wo er mit Gott allein ist. „Zweifellos muss die Kirche das Gewissen der Menschen bilden, aber sie kann sich nicht an die Stelle des Gewissens setzen (Amoris laetitia, 37).“

 
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