Positionierungen September 17

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September 2017

Freiheit oder Freitod?

„Wie bekommen wir nur den Geist in die Flasche zurück?“ fragt der niederländische Psychiater Boudewijn Chabot, einst Befürworter und Vorkämpfer der Euthanasiegesetze in Holland, die weltweit zu den liberalsten zählen und seit 2002 in Kraft sind.


In einem vom österreichischen Medizinethik-Institut IMABE zitierten Text sorgt sich der Psychiater über die steigenden Zahlen psychisch kranker  und dementer Menschen, die in seinem Heimatland durch Euthanasie sterben. 2009 wurden zwölf Euthanasie-Fälle bei Demenzkranken registriert, 2016 waren es 141.


In der jüngsten der alle fünf Jahre erscheinenden End-of-Life-Studie der niederländischen Regierung von Mai 2017 ist von 7254 „unterstützten“ Todesfällen 2015 die Rede, 20 am Tag. Davon waren 6672 Euthanasie-Fälle und 150 Todesfälle durch Beihilfe zum Selbstmord. In weiteren 431 Fällen töteten die Ärzte ohne explizite Einwilligung der Patienten.


„Wir haben es mit einer moralisch problematischen Handlung zu tun“, urteilt der einstige Euthanasie-Vorkämpfer Chabot: „Wie tötet man jemanden, der nicht versteht, dass er getötet wird?“
Die Euthanasie an nicht entscheidungsfähigen Menschen hat uns noch mehr erschüttert als die unglaubliche Zahl der Tötungen und das Geständnis des einstigen Euthanasie-Vorreiters Chabot. Es gehört Mut und Demut dazu, seine Position so rasch und gründlich zu ändern.


Ob Chabot zu unserer grund-christlichen Position finden kann? Wir sagen nämlich grundsätzlich Nein zur Sterbehilfe und zum Töten auf Verlangen. Die leidenden Menschen, das ist unsere Überzeugung, schreien nicht nach einem raschen Ende durch Gift, sondern nach Liebe, Unterstützung und Erlösung.
Theologisch gesprochen: Ihr Leid trägt in sich das Pascha-Mysterium des Mensch gewordenen Gottes, der das Leiden nicht aus der Welt genommen hat, sondern selbst durchlitten. Er hat es durch Liebe zur Befreiungstat gewandelt.


Mutter Marie Therese, die Gründerin der „Communio in Christo“, litt Jahrzehnte unter Krankheiten und ständigen Schmerzen. Sie schrieb: „Ich darf nicht das Ende wünschen oder andere bitten, mich zu erlösen.“ Und: „Entscheidend ist, dass wir realisieren, dass das Leben nicht uns gehört und wir es nicht schaffen können. Es gehört Gott, und ihm allein steht es zu, es zu beenden“.


Die Mystikerin Mutter Marie Therese sah im eigenen Leiden Anteil an den Wunden ihres Erlösers, und schenkte diese Sichtweise auch anderen Leidenden.


Die Communio in Christo pflegt und betreut in ihren Pflegeeinrichtungen Menschen jeden Alters mit schwersten chronischen Erkrankungen und Behinderungen liebevoll. Auch in ihrem Hospiz Stella Maris werden Sterbende menschlich, fürsorglich, psychologisch, seelsorgerisch und selbstverständlich auch palliativmedizinisch begleitet.


Wir wenden konsequent eine Sterbebegleitung im Sinn christlicher Nächstenliebe an. Wir lehnen Sterbehilfe als Hilfe zur Selbsttötung und so genannte „aktive Sterbehilfe“ nachdrücklich ab. Das heißt gleichwohl, dass wir die Menschen in unserer Obhut in ihren Nöten ernst nehmen. Und diese Nöte sind nicht uniform, sondern individuell.


Deshalb gehört auch dazu, dass wir versuchen, den gesellschaftlich wachsenden Druck von ihnen zu nehmen, der dem ein schlechtes Gewissen einredet, der sich ohne Hoffnung auf Heilung von anderen pflegen und versorgen lässt. Niemand soll sich in einer äußersten Notsituation verteidigen oder dafür rechtfertigen müssen, dass er oder sie noch leben will. Menschen, die sich helfen lassen (müssen), sind keine Egoisten auf Kosten anderer!


Auch die Menschen verdienen unsere Zuwendung, die notariell festlegen lassen, dass nun wirklich alle zur Verfügung stehenden medizinischen Mittel und Verfahren angewendet werden sollen, um ihr Sterben und den Tod bis zum denkbar letzten Moment hinauszuziehen. Auch wenn das Motiv eine nach unserer Überzeugung falsche Angst davor sein sollte, sich im Angesicht des Todes noch mit Gott zu überwerfen. Wir können nur helfen, diese Angst zu nehmen und auf die letzten Tage – diese Erfahrung machen wir oft - den grundgütigen Gott doch noch zu finden . .


Natürlich verdienen auch diejenigen Respekt und Berücksichtigung ihrer Wünsche, die in ihren Patientenverfügungen keine Lebensverlängerung um jeden Preis festgelegt  haben. Die Situation ist komplex, um nicht zu sagen verhext.  Die Verunsicherung ist ebenso groß, wie die sich lawinenartig fortpflanzende Festlegung in die eine oder andere Richtung. Was hat der vorgebliche „Freitod“  mit Freiheit zu tun, wenn er mich zwangsläufig ereilt? Welche „Freiheit“ liegt in der fast zwanghaften Anwendung von Apparaten und Medikamenten gegen jede Vernunft?   Darauf beziehen wir das Eingangszitat von Boudewijn Chabot: „Wie bekommen wir nur den Geist in die Flasche zurück?“
Es ist eine große Verunsicherung entstanden, in der sich viele „moralisch“ gedrängt fühlen, das eine oder andere zu tun, statt das Ende ihrer irdischen Existenz so aus der Hand Gottes anzunehmen, wie es kommt, am besten in der Begleitung liebender und palliativmedizinisch geschulter Menschen und getröstet mit der Hoffnung des Auferstandenen . . .

 
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